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Inklusion als Banyan-Baum: Tony Booth in Köln

“Seit einiger Zeit verwende ich den Banyan-Baum gerne als Symbol für Inklusion: Das ist ein wunderbarer Baum, der in Indien wächst. Das Fantastische ist, dass aus den Ästen wieder neue Wurzeln und Ableger wachsen und er sich selbst immer wieder neu sät.“ So erklärt Tony Booth sein Bild des Banyan-Baumes. Außerdem sei der Baum in Indien ein Baum, unter dem sich die Händler träfen, also ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Dieses Bild bekräftige seinen Symbolgehalt für den Begriff der Inklusion.

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Tony Booth war auf Einladung der Kölner Kollegin Andrea Platte nach Deutschland gekommen, um mit Studierenden und Expert_innen aus dem Praxisfeld über Inklusion in der Sozialen Arbeit zu diskutieren. Den Rahmen bildete das „Forum Inklusive Bildung“, das an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln zusammen mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft seit einigen Semestern stattfindet.

Eine der zentralen Botschaften von Tony Booth, der zusammen mit Mel Ainscow den Index für Inklusion  entwickelte: Inklusion ist mitnichten eine weitere Innovation in der langen Reihe neuer Konzepte und Modelle, die durch das Bildungswesen geistern und – einer Mode gleich – vorübergehend überall zur Anwendung kommt, um dann wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Tony Booth: „Yesterday we did gender, today we’re doing disabilities.“ Im Gegensatz dazu sei Inklusion ein umfassendes Konzept, das alle Formen von Benachteiligung, Ungleichheit und Diskriminierung zu verändern suche. Im Kern gehe es um die Frage: „How should we live together?“ Diese grundlegende, existentielle Frage nach dem „Wie?“ des menschlichen Miteinanders soll verdeutlichen, wie sehr Inklusion alle Fasern des menschlichen Zusammenlebens durchdringt.

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Vor diesem Hintergrund ging Tony Booth intensiv auf die dem Index zugrunde liegenden Werte ein. Einigen dürften die „Inklusiven Werte“ aus der Blumen-Darstellung bekannt sein (siehe Abbildung 1). Diese Darstellung umfasst im Kern 7 Werte und wird durch 4 allgemeine Werte ergänzt. Eine hilfreiche Darstellung, um den Geist des Index für Inklusion zu verdeutlichen. Genauer ausgearbeitet hat es Tony Booth in dem Text „Wie sollen wir zusammen leben? Inklusion als wertebezogener Rahmen für die pädagogische Praxis“ . Hier ergänzt er die „Blume“ bereits um weitere allgemeine Werte. In Köln nun stellte Tony Booth eine komplexe geometrische Figur vor, in der insgesamt 16 Werte enthalten sind, wobei jeder Wert mit allen anderen Werten in Verbindung steht (Abb. 2).

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Inklusion wird so zu einem umfassenden gesellschaftlichen Modell entwickelt, eine Art Leitlinie „to do the right thing.“ Aufbauend darauf entwickelte Tony Booth eine Reihe von grundlegenden Themen (von den Nahrungskreisläufen bis zum Planetensystem), mit denen sich die Menschheit beschäftigen sollte, wenn Sie eine Zukunft haben will.

Tony Booth’ Enthusiasmus ist ansteckend. Die Vehemenz, mit der er die Verengung des Inklusionsbegriffes auf die Belange von Menschen mit Behinderungen entgegen tritt kann ich nur begrüßen. Sein Anliegen, Inklusion als eine Schlüsselstrategie für die Weiterentwicklung des sozialen Miteinanders zu entwickeln kann ich gut nachvollziehen. Jedoch: Je breiter Inklusion als gesellschaftliches Leitbild und Modell gesehen wird, desto größer ist auch die Gefahr seiner Aushöhlung. Ähnlich ist es schon anderen Ideen ergangen, wie etwa der Nachhaltigkeit oder den Schlüsselqualifikationen. Wird ein Modell allzu allgemein, zu abstrakt, verliert es den eigentlichen Kern und alles und jedes lässt sich darunter fassen. Und dann wird es immer schwieriger, im Sinne der Inklusion „das Richtige zu tun.“

Und noch ein weiteres Problem tut sich auf: Wenn Werte wie Liebe, Vertrauen, Ehrlichkeit und Mitgefühl im Diskurs über Inklusion an Bedeutung gewinnen, dann wird Inklusion zunehmend zu einem Akt der Mildtätigkeit. Dabei ist es doch eine der entscheidenden Errungenschaften der Diskussion über Inklusion, dass diese eben als ein verbrieftes Recht (siehe: UN-Behindertenrechtskonvention) gilt und nicht als die großzügige Gabe Nicht-Diskriminierter. In diesem Sinne hatte sich auch Andrea Platte in ihren einleitenden Worten auf Alice Salomon bezogen, die als Begründerin der Sozialen Arbeit gilt. Sie grenzte die Soziale Arbeit von der Wohlfahrtspflege ab, weil Unterstützung in der Sozialen Arbeit eben gerade als Recht begriffen wurde und nicht als eine milde Gabe.

Schließlich stellt sich mir die Frage, inwieweit die enge Verknüpfung des Index für Inklusion mit einem sehr umfassenden Wertekonzept angemessen sinnvoll und nützlich ist. Wird auf diese Weise nicht eine Normativität (= endgültige Setzung, der man nicht widersprechen kann/soll) geschaffen, die einem differenzierten und kritischen Blick auf soziale Entwicklungen widerspricht, wie er für eine inklusive Gesellschaft meines Erachtens ganz zentral ist.

Unbedingt zu erwähnen ist, dass der Beitrag Tony Booth’ nur ein Teil des Fachtages war. Die Präsentation der Projekte der Studierenden, die den Grad der Inklusion in verschiedenen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit (von der Frauenhilfe bis zur Bibliothek) untersucht hatten, war ein echtes Highlight. Ergänzt wurde die Veranstaltung durch verschiedene Diskussionsformate. In diesem Semester folgt noch ein weiterer Fachtag, und zwar bereits am 6. Juni. Das Motto: „Inklusive Bildungspraxis und Bildungsforschung.“

Das Bild vom Banyan-Baum trifft auf jeden Fall: Für mich sind mit diesem Fachtag und seinen vielen Impulsen neue Äste sichtbar geworden, andere Äste sind ein Stück gewachsen und einige davon strecken suchend ihre Wurzeln gen Boden aus, um neue Wurzeln zu bilden.

Illustration “Banyan Tree”: Pe Grigo

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