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Immer weniger „Normale“: Wie Messen und Testen dazu führt, dass es immer mehr Kranke gibt

Wie in anderen Feldern von Bildung und Sozialem gibt es auch in der Frühpädagogik immer mehr Instrumente, um die Wirklichkeit zu messen und zu testen: Der Entwicklungsstand von Kindern, die Qualität einer Einrichtung oder die Wirksamkeit eines Programms werden geprüft und evaluiert. Diese Entwicklung ist wichtig und trägt zu einer Professionalisierung der Arbeit von Pädagoginnen und Pädagogen maßgeblich bei. Durch das systematische Erfassen der Entwicklung von Kindern kann eine optimale Förderung gewährleistet werden, durch die Anwendung von Qualitätsindikatoren eine hochwertige pädagogische Arbeit sichergestellt durch die Evaluation pädagogischer Programme kann fundiert entschieden werden, wo zukünftig investiert wird und wo eher nicht.

Doch die zunehmende Messung und „Messbarmachung“ hat auch unerwünschte Nebenwirkungen. Eine wichtige Nebenwirkung beschreibt der amerikanische Psychiater Allen Frances (2013) in seinem Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen.“ Frances zeigt zunächst die Schwierigkeiten auf, Normalität und Gesundheit eindeutig zu definieren. Diese Unschärfe ermöglicht es, dass der Bereich der Abnormität und Krankheit immer weiter ausgedehnt wird. Der Anteil des Verhaltens und der Anzeichen, die als Symptome für eine Krankheit gelten, wird immer breiter. Frances führt weiter aus, dass es „Modediagnosen“ gibt, wie etwa bei Kindern Autismus und ADHS: „Unsere Welt vereinheitlicht sich und unsere Toleranz gegenüber individuellem Anderssein, gegenüber Exzentrizität nimmt ab; immer mehr neigen wir dazu, jede Abweichung von einer gefühlten Norm zu pathologisieren: Der Jüngste in der Klasse ist nicht deshalb der körperlich Aktivste, weil er einfach noch jung ist, sondern er leidet zweifellos unter ADHS und muss ein Medikament einnehmen.“ (a.a.O.: 132).

Frances nennt verschiedene Ursachen für diese diagnostische Inflation, wie etwa die Interessen der Pharmaindustrie, die an möglichst vielen Patienten mit möglichst hohem Bedarf an Medikamenten interessiert sei. Eine weitere Ursache – und hier schließt sich der Kreis zu dem Bedarf nach Testung und Messung – beschreibt Frances die Entwicklung von detaillierten Kriterienkatalogen zur Bestimmung von psychischen Störungen, wie etwa die verschiedenen Fassungen des DSM (Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders). Hier liegt die Analogie zu den zahlreichen Entwicklungstabellen und Beobachtungsbögen für Kinder auf der Hand: Die differenzierte Beschreibung von Entwicklungsständen, die durch die verschiedenen Instrumente unterstützt wird, führt mitunter genau zu der von Frances beschriebenen Pathologisierung.

Kindertageseinrichtungen, Eltern und nicht zuletzt diejenigen, die Fördermaßnahmen finanzieren (Kommunen, Krankenkassen etc.) fordern standardisierte und objektive Hinweise darauf, was ein Kind in welchem Alter können sollte. Dies scheint im Sinne der Kinder zu sein, denn eine handfeste Diagnose ermöglicht es oft erst, Frühförderung, Logopädie, Integrationshilfe und andere Therapien zu erwirken und einzusetzen. Und natürlich sind standardisierte Beobachtungstabellen nützliche Instrumente, um herauszufinden, wo ein Kind steht und welchen Unterstützungsbedarf es hat. Vielleicht sind sie jedoch auch in Frances’ Sinne eine Art Steilvorlage für die Definition eines zunächst einfach nur anderen Verhaltens als Krankheit. Möglicherweise wird dadurch die Grenze zwischen normal und abnormal weiter verschoben und der Bereich dessen, was als „normal“ wahrgenommen wird, wird weiter begrenzt.

Frances, Allen (2013): Normal. Gegen die Inflation der psychiatrischen Diagnosen, Köln.

Nachtrag zum Thema im Mai 2013: Unter dem Titel “Heute noch normal, morgen schon verrückt” findet sich in ZEIT-Inline ein Artikel zum DSM-5.

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