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Mittelpunkt: Die Gruppe

Bei meiner Studienfahrt nach Reggio Emilia ist mir die große Bedeutung der Kindergruppe im Sinne einer Gemeinschaft in der Reggio-Pädagogik besonders aufgefallen. Im Fokus meines Interesses standen die Formen und Inhalte der Bildungsdokumentation geachtet. Im Kopf hatte ich die vielen Varianten von Portfolios aus deutschen Krippen und Kitas sowie die Bildungs- und Lerngeschichten, die in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnen. Danach suchte ich wohl auch – ohne dass es mir so recht bewusst war – bei den Begehungen der Einrichtungen in Reggio. Was ich jedoch vor allem fand waren Plakate mit Projektbeschreibungen, kleine Fotodokumentationen, die sich auf einzelne Gegenstände oder Tätigkeiten bezogen und kurze handschriftliche Tagesdokumentationen. Hier steht viel weniger das einzelne Kind im Mittelpunkt, sondern vielmehr die gemeinsamen Themen und das mit der Gruppe Erlebte und Erfahrene. Das folgende Bild zeigt die Wanddokumentation einer Woche („Agenda Settimanale“), bei der für jeden Tag Fotos und Produkte der Kinder aufgehängt werden, jeweils versehen mit Zitaten der Kinder und Kommentaren der pädagogischen Fachkräfte (Insegnante).
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Beim Besuch der Scuola d’Infanzia „Anna Frank“ fragte ich die Pedagogista Paola Strozzi, ob es denn auch Dokumentationen für einzelne Kinder gäbe. Sie zeigte auf Schubladen, die mit Namen von Kindern beschriftet waren. In ihnen werden die Bilder der Kinder sowie Fotos dreidimensionaler Werke der Kinder aufbewahrt. Diese Dokumentationen bekämen die Eltern am Ende des Kitajahres. Oftmals bekämen sie auch eine CD mit Filmaufnahmen und ein kleines Buch mit den wichtigsten Ereignissen des Jahres. Das könnten sie sich dann noch mal gemeinsam mit dem Kind anschauen. Ich hakte nach, ob sich diese Dokumente dann nur auf das einzelne Kind bezögen. „Nein“, sagte Paola Strozzi, „alle bekommen dieselbe CD oder dasselbe Buch. Wir machen ein Buch für alle.“
Paola Strozzis Erklärung bestätigt meine Wahrnehmung, dass der starke Fokus auf dem einzelnen Kind und seiner Entwicklung, wie wir ihn in Deutschland bei der Bildungsdokumentation legen, in Italien bzw. zumindest in Reggio so nicht besteht. Vielleicht liegt dies auch an einer unterschiedlichen Zielsetzung, die mit der Dokumentation verfolgt wird. In deutschen Kitas scheint die Triebfeder für Bildungsdokumentation in der optimalen Förderung jedes Kindes zu liegen. Ist also individuell. Themen und Interessen, Stärken und Entwicklungsverzögerungen sollen erkannt werden, um optimale Förderung zu ermöglichen In Reggio, so scheint mir, steht hingegen die Kommunikation im Vordergrund. Dokumentationen sollen den Kindern selbst wiederum als Anregung für neue Aktivitäten dienen und zur Reflexion des Gesehenen, Getanen und Erfahrenen ermuntern. Kolleginnen sollen wissen, was los war. Eltern sollen Einblicke in den Alltag ihrer Kinder bekommen.
Ich finde es sehr wertvoll, diese Unterschiede wahrzunehmen. Gar nicht, um daraus eine Bewertung abzuleiten. Sondern eher als eine Art Feedback: Die große Bedeutung, die in deutschen Kindertageseinrichtungen mit viel Energie in den letzten zehn Jahren auf die Einzeldokumentation verwendet wurde, ist eben nur eine Facette möglicher Wege der Dokumentation.

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