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Inklusion: Voll behindert?!

Ein Blick in den Koalitionsvertrag der frisch gestarteten schwarz-roten Bundesregierung kann Freunde der Inklusion frohlocken machen: 7 Mal taucht der Begriff in dem knapp 130 Seiten umfassenden Papier auf; vor vier Jahren in dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP suchte man den Begriff noch vergebens. Am häufigsten finden wir Inklusion unter der Überschrift „Zusammenhalt der Gesellschaft“, z. B.: „Wir wollen die Integration von Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt begleiten und so die Beschäftigungssituation nachhaltig verbessern.“ (S. 78). Oder etwas weiter unten: „Die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen für mehr Inklusion brauchen einen sicheren gesetzlichen Rahmen. Wir werden deswegen unter Einbeziehung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen ein Bundesleistungsgesetz für Menschen mit Behinderung erarbeiten.“ (ebd.). Wichtige und ehrenvolle Ziele sind es, die sich die neue Bundesregierung hier setzt.

Nicht nur in der Politik, auch in “Funk und Fernsehen“ ist Inklusion ein Thema: Ranga Yogeshwar widmete zuletzt eine ganze Sendung „Quarks und Co“ dem Thema „Inklusion – behindertes Lernen?“. Es wird erklärt, “Wie Förderkinder durch unser Schulsystems aussortiert werden” und was “das Beste für ein Förderkind” ist.

Eigentlich höchst erfreulich, dass Inklusion auf diesem Wege an Bedeutung gewinnt. Mit dieser Chance ist jedoch zugleich ein Problem verbunden: Inklusion macht im politischen Diskurs Karriere, der Preis scheint jedoch eine Verengung des Begriffs auf Menschen mit Behinderung zu sein. Andreas Hinz (2013) beschreibt diesen Vorgang (mit Bezug auf die Signalwirkung der UN-Behindertenrechtskonvention) als „zweischneidiges Phänomen“: „Neben ihrem unbezweifelbar produktiven Effekt, die Diskussion überhaupt verstärkt zu haben, bestärkt sie als zweite, problematische Seite der Medaille die Tendenz, Inklusion als Spezialthema mit einer spezifischen Zielgruppe – Menschen mit Beeinträchtigungen – aufzufassen.“

Und wo ist da das Problem? Durch die Verengung des Begriffs wird Inklusion delegiert an einige wenige Professionen und Personen. So beobachten auch Theresia Degener & Hildegard Mogge-Grotjahn (2012: 68) eine solche Engführung:

„In der öffentlichen und politischen Diskussion wird das Spannungsverhältnis von ‚Schule’ bzw. ‚Bildung’ einerseits und ‚Inklusion’ andererseits häufig eng geführt, indem es

a)     in erster Linie mit dem Recht auf inklusive Bildung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in Verbindung gebracht und

b)     in erster Linie als Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern definiert wird.“

Demgegenüber wird Inklusion in soziologischen und demokratietheoretischen Diskursen (z. B. Iris M. Young, Jürgen Habermas) im Kontext gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse verortet, in denen die Bedarfe und Meinungen von Minderheiten in die Lösungsfindung einbezogen werden (genauer hierzu vgl. Knauf 2013). Inklusion kann ihrem Wesen nach nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe funktionieren, nicht als Fokussierung auf die eine Differenzkategorie Behinderung. Die alleinige Verknüpfung von Inklusion mit Behinderung, wie wir sie aktuell in Politik und Medien verfolgen können, hingegen birgt die Gefahr der Reifizierung – der Verstärkung vorhandener Differenzen. Ein Effekt, der sich in politischen und auch wissenschaftlichen Diskursen der letzten Jahrzehnte im Kontext verschiedener Heterogenitätsdimensionen verfolgen lässt. Hier sei beispielsweise an die Prozesse der Dramatisierung von Geschlecht erinnert.

In einem frisch erschienen und sehr beachtenswerten Beitrag in der Zeitschrift für Inklusion (Heft 4/2013)regen Jürgen Budde und Merle Hummerich angesichts der zunehmenden Verengung des Inklusionsbegriffs eine Erweiterung des Verständnisses von Inklusion an, in dem Inklusion verstanden wird als Perspektive auf ein weniger selektives Bildungssystem:

„Wenn im Gegensatz dazu Inklusion als Postulat aus der universalistischen Bildungs- und Gerechtigkeitsidee hergeleitet wird, mithilfe schulpädagogischer und allgemein erziehungswissenschaftlicher Theoriebestände gefasst wird und sich als Gegenentwurf zu einem exkludierenden Bildungssystem versteht, muss Inklusion neben der Differenzkategorie Behinderung/Nichtbehinderung entsprechend auch andere exklusionsrelevanten Differenzkategorien systematisch einbeziehen, wie etwa Ethnizität, Milieu, Geschlecht. Systematisch bedeutet hier v.a. die Berücksichtigung der Intersektionalität, also der interdependenten Wechselbeziehungen zwischen diesen Kategorien. Schon beim Blick auf Kinder mit Behinderung wird deutlich, dass es ja nicht nur Kinder mit Behinderungen sind, sondern eben auch Jungen, Mädchen.“

 

Referenzen:

Jürgen Budde & Merle Hummerich (2013): Reflexive Inklusion, in: Zeitschrift für Inklusion 4/2013, online unter: http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/193/199.

Theresia Degener & Hildegard Mogge-Grotjahn (2012): „All inclusive“? Annäherungen an ein interdisziplinäres Verständnis von Inklusion, in: Hans-Jürgen Balz, Benjamin Benz & Carola Kuhlmann (Hrsg.): Soziale Inklusion. Grundlagen, Strategien und Projekte in der Sozialen Arbeit, Wiesbaden (VS Verlag), S. 59-77.

Andreas Hinz (2013): Inklusion – von der Unkenntnis zur Unkenntlichkeit!? – Kritische Anmerkungen zu einem Jahrzehnt Diskurs über schulische Inklusion in Deutschland, in: Zeitschrift für Inklusion 1/2013, online unter: http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/26/26.

Helen Knauf (2013): Inklusion und Hochschule Perspektiven des Konzepts der Inklusion als Strategie für den Umgang mit Heterogenität an Hochschulen, in: Das Hochschulwesen 5/2013, S 164-168.

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