Umbau

Kompass für die Raumgestaltung: 5 Prinzipien

Derzeit sprießt und wächst es überall– ja, auch in der Natur, aber ich meine hier die vielen neuen und vielen erweiterten Kindertageseinrichtungen, die mit Blick auf den 1. August überall entstehen. Es ist der Stichtag, mit dem Kinder ab einem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben. So werden allerorten neue Kitagebäude erstellt und vorhandene Häuser erweitert und aufgestockt (z.B. die Kita Leonardo in Gütersloh). In Köln wird sogar ein Schiff auf dem Rhein zur Kita umgebaut. Unter dem Motto „Fluss statt Land“ entsteht eine Kindertagesbetreuung, die alles hat, was es braucht – sogar ein Außengelände, natürlich gesichert gegen den Absturz ins Wasser. Und auch das aktuelle Heft (5/2013) von der Zeitschrift „Klein & Groß“ beschäftigt sich mit „Räumen zum Wohlfühlen.“ In sechs Artikeln setzen sich die Autorinnen mit verschiedenen Konzepten und Aspekten zur Raumgestaltung auseinander.

Ich fühlte mich bei Lesen gleich an eine Exkursion erinnert, die ich vor zwei Jahren mit Studierenden unternommen habe, um Raumkonzepte in Kitas zu erkunden. Bei unserer Auseinandersetzung mit dem Thema wurde schnell deutlich, dass es zwar viele überzeugende Ideen und Ansätze gibt, es aber an einem übergreifenden Konzept mangelt. Der Blick in die Zeitschrift zeigt, dass sich dies wohl nicht grundlegend geändert hat: Die Einrichtung von Funktionsräumen und Lernwerkstätten (wie im Beitrag von Heike Baum beschrieben), die Gestaltung einer lernanregenden Umgebung überhaupt, etwa durch Orientierungshilfen, gute Aufbewahrung und Materialorganisation (wie von Una Pabst dargestellt) sind wichtige Hinweise für eine pädagogisch sinnvolle Gestaltung von Räumen. Doch die Übertragbarkeit in die jeweilige Praxis ist nicht ganz einfach. Schon bei unserer Exkursion und deren Auswertung mit den Studierenden wurde deutlich: Die Einrichtungen sind von ihren räumlichen und finanziellen Rahmenbedingungen so verschieden, dass kein Raumkonzept unmittelbar auf einen anderen Raum übertragbar ist. Zwei Strategien können helfen, konkrete Umsetzungsideen zu finden. Ein großer Fundus an Ideen und Anregungen kann dabei helfen, diese konkreten Umsetzungsideen zu entwickeln– keine Einrichtung muss „das Rad neu erfinden“, sondern kann sich natürlich Anstöße von anderen holen, die es dann umzusetzen gilt. Die Beiträge in der neuen „klein & groß“ und die verschiedenen Veröffentlichungen zum Thema bieten dafür bereits Anschauungsmaterial. Was es aber auch braucht, ist eine Art Kompass – Prinzipien, die es bei der Raumgestaltung zu beachten gilt. An dieser Stelle werden fünf Prinzipien als Kompass für eine pädagogische Raumgestaltung definiert:

1. Klarheit

Räume sollten eine Struktur haben, die Kinder leicht verstehen. Bereiche sollten klar abgegrenzt sein (siehe „Funktionalität). Jedes Ding hat seinen Platz, der Raum sollte so organisiert sein, dass Material, Spielzeug, Bücher … einen Ort haben, an den sie gehören. Grenzen schließen auch Ausblicke durch Fenster, Löcher, Tunnel ein. Klarheit bedeutet, dass Räume nicht überfrachtet und vollgestellt sind. Im Mittelpunkt steht das Kind, nicht ein Möbel, ein Spielgerät oder eine Farbe

2. Dokumentation

Das Tun der Kinder soll für alle sichtbar dokumentiert werden. Die in der Reggiopädagogik verbreiteten Wanddokumentationen vereinen Zeichnungen der Kinder, Fotos aus dem Geschehen und von den Erwachsenen aufgeschriebene Kommentare der Kinder zu einer differenzierten Darstellung des Kita-Alltags. Sie dienen damit als visuelles Gedächtnis für Kinder, als Gesprächsanlass für pädagogische Fachkräfte und Eltern, als Bildungsimpuls und, und, und. Dokumentation braucht Platz. Dieser sollte bei der Raumgestaltung eingeplant werden

3. Funktionalität

Die Einrichtung von Funktionsräumen oder zumindest Funktionsbereichen findet immer mehr Verbreitung. Funktionsräume haben viele Wurzeln: in der Offenen Arbeit wie auch in der Reggiopädagogik, wo Kinderrestaurant und Atelier zu wichtigen Bestandteilen jeder Einrichtung gehören. Dieses Prinzip dient der Klarheit und der Orientierung. Funktionalität bedeutet aber auch, dass alle Gegenstände (Möbel, Teppiche, Bilder) aufgrund ihres Gebrauchswertes für Kinder und Erwachsene eingesetzt werden.

4. Erreichbarkeit

Räume sollen so gestaltet sein, dass Kinder die Dinge selbstständig erreichen können, die sie benötigen. Dies ist Ausdruck des Prinzips der Partizipation und stärkt die Fähigkeit der Kinder zur Selbstbestimmung. Selbstverständlich sind dabei Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen (z. B. keine Scheren in der Greifhöhe von Krabbelkindern). Allerdings: Kinder lernen auch dadurch, dass wir ihnen etwas zutrauen.

5. Flexibilität

Der Alltag von Kindern ist vielfältig. Die verschiedenen Phasen des Tages, die Abschnitte einer Woche und der Jahreslauf stellen unterschiedliche Erfordernisse an den Raum. Der Morgenkreis erfordert eine große freie Fläche, für die Mahlzeiten werden Tische und Stühle gebraucht und für die Bewegungsbaustelle werden Matten und Tunnel herbeigeschafft. Nicht für jede Aktivität kann eine Einrichtung einen eigenen Raum vorhalten. Deswegen ist es wichtig, dass Möbel leicht zu bewegen sind – ohne dass die Bandscheiben der pädagogischen Fachkräfte unnötig belastet werden.

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