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Aktionsforschung in der Frühpädagogik

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„Wodurch werden Pädagoginnen bei der Arbeit mit dem Kind unterbrochen?“, „Wie können Dienstbesprechungen adressatengerechter werden?“, „Wie kann ich mit meinem Team in der Kita ein alltagsintegriertes Sprachkonzept entwickeln? oder „Ist der Index für Inklusion ein geeignetes Instrument für die Umsetzung von Inklusion in der Kita?“ Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigten sich die Studierenden des Abschlussjahrgangs 2014 im Studiengang „B.A. Frühkindliche inklusive Bildung“ in den vergangenen beiden Semestern. Als berufsbegleitend Studierende konnten sie so ihre eigene berufliche Praxis systematisch untersuchen – ganz so, wie es dem Modell der Aktionsforschung entspricht (Altricher/Posch 2007, 13).

Idee der Aktionsforschung ist, dass der berufliche Kontext nicht durch Außenstehende unter die Lupe genommen wird, sondern durch die beruflich Handelnden selbst. Die Subjektivität, die in anderen Forschungskontexten oftmals als hinderlich gesehen wird, wird als wichtiges Potenzial gesehen, weil sie Innensichten verstehen hilft; gleichzeitig verfügen die Forschenden über Hintergrundwissen, dass sich externen Forschenden nur schwer erschließt (Breuer 2010, 20; Mayring 2002, 66). Ziel dieser Forschung ist es, mit wissenschaftlichen Methoden das eigene Praxisfeld und das eigene Handeln zu untersuchen, um es besser verstehen zu können.

Startpunkt der Aktionsforschungen bildete bei allen Studierenden ein Problem oder eine problematische Situation aus ihrem beruflichen Kontext. Von diesem Ausgangspunkt aus wurde überlegt, welche zusätzlichen Informationen notwendig sind, um Problem oder Situation besser zu verstehen: Ulrike Breyer beispielsweise entschied sich dafür, die Frage nach den Ursachen für die von ihr wahrgenommenen häufigen Unterbrechungen bei der Arbeit mit dem Kind durch Beobachtungen genauer zu untersuchen. Über acht Wochen hinweg beobachtete sie regelmäßig in einer Kita-Gruppe das Geschehen. Deutlich wurde, dass die meisten Störungen von den Pädagog*innen selbst ausgehen, dicht gefolgt von Störungen durch Kinder. Ulrike Breyer diskutierte die Ergebnisse mit den Kolleg*innen dabei wurde deutlich, dass der Forschungsprozess für sie ein wichtiger Denkanstoß war: „Die Pädagog*innen bestätigen mir, dass ihnen die Störungen und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder und den pädagogischen Alltag durch meine Forschung zum ersten Mal bewusst werden und sie diese Störungen selbst als anstrengend erleben“ (Breyer 2014, 13). Dies soll nun als Anlass für bessere Absprachen im Team dienen. Einer anderen Frage folgte Julia Maier, die sich mit ihrer Einrichtung auf den Weg zur Inklusion macht und dort den Index für Inklusion bearbeitet. Sie hat Eltern und Kinder befragt und mit dem Pädagog*innen-Team in Gruppendiskussionen Daten erhoben. In mehreren Rückkopplungsschleifen hat sie Ergebnisse zurückgespiegelt und evaluiert. Aus dem Projekt ist längst mehr geworden als die Aufgabe für ein Modul im Studium. Ähnlich ist es auch beim Aktionsforschungsprojekt von Sylvia Richter, die sich mit der unbefriedigenden Organisation des Büros in ihrer Einrichtung befasst hat, darüber aber zu grundsätzlichen Fragen von Leitung und Kita-Management gelangt ist. Ihren Text „Chaos im Büro – ein Spiegelbild des Teams? Das Kita-Büro als Ausgangspunkt von Teamentwicklung“ hat sie auf kindergartenpaedagogik.de veröffentlicht.

Und was sagen die Studierenden? In den Reflexionen und in der Evaluation zeigen sich mehrere Tendenzen: Die Studierenden erleben bei sich selbst einen großen Kompetenzzuwachs. Dieser bezieht sich auf inhaltliche Erkenntnisse und den Umgang mit Forschungsmethoden, aber auch auf formale Dinge: Was es bedeutet, einen Forschungsprozess von A bis Z zu durchlaufen, über einen so langen Zeitraum an einem Thema zu bleiben und auch Zweifel und Unsicherheiten zu überwinden. Ein/e Student*in schreibt: „Das enorme Pensum, das dieses Modul von uns Studierenden abverlangt, war für mich die beste Vorbereitung auf die B.A.-Arbeit.“ – Und damit ist auch schon eine nicht wegzudiskutierende Schattenseite angesprochen: Aktionsforschung bedeutet immer auch ein hohes zeitliches Investment. Nun ist dies im Studiengang frühkindliche inklusive Bildung bei 20 CP auch vertretbar, dennoch ist viel Durchhaltevermögen, Planungskompetenz und Motivation notwendig, um das Modul zu schaffen. Ein weiteres Problem ist die Doppelrolle, in der sich die Studierenden-Forscher*innen befinden: Sie sind einerseits Mitarbeiter*innen in ihrer Organisation, andererseits erforschen sie diese. Das ist auch für das eigene Selbstverständnis und den kollegialen Umgang eine große Herausforderung.

Da die Veranstaltung laut Modulhandbuch ohne gemeinsame Präsenzzeiten auskommen soll, muss sie mit vielfältigen Unterstützungsformen flankiert werden. Im Vordergrund stehen dabei verschiedene Rückmeldungsschleifen, die schriftlich (also per Mail bzw. über die Lernplattform) durchgeführt werden. Eine besondere Qualitätssteigerung fand im letzten Durchlauf dadurch statt, dass die Studierenden etwa nach der Hälfte der Zeit eine Rohfassung bei mir einreichen konnten (die nicht bewertet wurde) und auf die sie ein Feedback von mir erhielten. Danach konnten sie ihre Rohfassung in Ruhe überarbeiten. Zugegeben: das war auch für mich als Lehrende sehr arbeitsintensiv. Aber die tollen Ergebnisse sind dieses Zeitinvestment wert. Das Feedback, das es ja auch sonst zu jeder schriftlichen Aufgabe gibt, gewinnt durch diese Aufgabengestaltung einen deutlichen Mehrwert, denn es dient ja der finalen Texterstellung – auch ich als Lehrende erlebe dadurch so etwas wie Resonanz. Wichtig ist mir, hierbei auch deutlich zu machen, dass ein Text vieler Überarbeitungsschritte bedarf, bis er rundum stimmig ist. Das ist, so meine ich, eine wichtige Erfahrung, die nicht zuletzt für nach Abschluss des Moduls anstehende B.A.-Arbeit.

Neben dieser persönlichen und interaktiven Unterstützungsstrategie wurde im Laufe des letzten Jahres ein vorwiegend von den Studierenden verfasstes Wiki zu Forschungsmethoden entwickelt, das auf der Lernplattform bereitsteht. Parallel entstehen auf dem You-Tube-Kanal „Wilmas Tutorials“ Video-Tutorials zum ersten, niedrigschwelligen Einstieg in Forschungsmethoden, so beispielsweise zur Planung und Durchführung von Gruppendiskussionen.

Also: Ein für alle Beteiligten zwar sehr arbeitsintensives Studienmodul, das jedoch auch eine ausgesprochen großen Ertrag gebracht hat.

Literatur:

Altrichter, Herbert & Peter Posch. 2007. Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht. Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsevaluation durch Aktionsforschung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Breuer, Franz. 2010. Reflexive Grounded Theory: Eine Einführung für die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer.

Breyer, Ulrike. 2014. Wodurch werden die Pädagoginnen in der Arbeit mit dem Kind unterbrochen? Fulda.

Mayring, Philipp. 2002. Qualitative Inhaltsanalyse. Weinheim: Beltz.

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