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Von der Zeitoptimierung zum Zeitreichtum – Zeitfragen in der Pädagogik

Die These dieses Blogbeitrags lautet: Langsam ist zwar oft besser, aber verdammt schwierig umzusetzen. Wie komme ich darauf? Das Thema Zeit ist für mich gerade „dran“, im Gespräch mit einer befreundeten Kitaleiterin fragte sie mich spontan, ob ich nicht mit ihrem Team etwas zum Thema Zeit machen könne. Ich nahm das als Anlass, mich etwas intensiver mit Zeit zu befassen, wobei ich gleich gemerkt habe, dass ich mich eigentlich ständig mit Zeit beschäftige, genauer gesagt mit der Frage, wie ich mit der viel zu knappen Zeit umgehe. Und da bin ich offenbar nicht die einzige: Zeitmangel gehört offenbar zu unserer Art zu leben fast unweigerlich dazu. Aus einer anderen Perspektive betrachtet kann man natürlich auch sagen, das Problem ist nicht der Zeitmangel, sondern die Tatsache, dass wir immer mehr in dieser Zeit tun und erreichen wollen. „Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern wir haben zu viel zu tun. Oder glauben zu viel zu tun zu haben.“ sagt Karl-Heinz Geißler im Dokumentarfilm „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Florian Opitz. Das Gefühl ständigen Zeitmangels ist jedenfalls kein individuelles Problem, sondern eng verknüpft mit der Struktur moderner Gesellschaften. Das ist jedenfalls der Ansatz des Soziologen und Zeitforschers Hartmut Rosa (2013). Er beschreibt Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung als Grundprinzipien der modernen Gesellschaften. Das hat auf der einen Seite mehr Möglichkeiten zu individuellen Lebensgestaltung zur Folge und mehr Autonomie: Gitarre lernen oder Gymnastik machen? Friseurin oder Finanzministerin werden? Tortellini oder Tofu essen? Biertrinken oder ins Bett gehen? Alles scheint möglich zu sein. Das hat auf der anderen Seite hohe Erwartungen zur Folge. Erwartungen von uns selbst an das eigene Leben verbunden mit der Angst, etwas wirklich Wichtiges nicht getan, nicht erlebt, verpasst zu haben. Und Erwartungen von anderen an uns (von Eltern, Partner*in, Kinder, Lehrer*innen, Vorgesetzte, Freund*innen, Vereinskolleg*innen…). Der Wunsch diese – eigenen und fremden – Erwartungen zu erfüllen führt zu mehr Wettbewerb. Wettbewerb um Dinge, um Status, um Anerkennung, um soziale Beziehungen. Ziel ist es, immer ein bisschen mehr zu leisten als die anderen.

Beschleunigung in Kindertageseinrichtungen

Und das kennen wir doch auf allen Ebenen: Auf der persönlichen Ebene aber auch institutionell. Für viele Kindertageseinrichtungen heißt das, dass es eine Vielzahl, eine Unzahl an Erwartungen gibt, was alles zu tun sei: Von der Sprachförderung bis zum Sommerfest, von der systematischen Beobachtung der Kinder bis zum Laternenbasteln, von der Einhaltung der Hygienevorschriften bis zum Teambuilding. Und es sind eben nicht nur die Erwartungen der Eltern, des Trägers oder der Fachberatung, sondern oft auch die eigenen Erwartungen und Ansprüche, die entscheidende Treiber sind. Und wenn es immer mehr Aufgaben werden, dann geht es eben nur, wenn etwas schneller gearbeitet wird, noch ein Schippchen draufgelegt wird – eben mit Beschleunigung. Denn Arbeits- und vor allem Lebenszeit sind begrenzt.

Beschleunigung in Familien

Und natürlich macht der Wunsch, die sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen, auch vor Kindern und Familien nicht halt. Ein schöner Beleg dafür sind die verschiedenen Artikel, die in den ersten Wochen des Jahres zur Unmöglichkeit der Vereinbarung von Familie und Beruf erschienen sind. Fazit: Es geht, aber der Preis ist hoch. So beschreiben die ZEIT-Redakteure Marc Brost und Reinhard Wefing beschreiben, wie anstrengend es ist, alles unter einen Hut zu bringen: „Es ist die Hölle.“. Und Spiegel-Journalistin Claudia Vogt überschreibt ihren Beitrag zum Thema mit dem Titel „Die große Erschöpfung“ – als mögliche Folge beschreibt Vogt eine Rückkehr zu alten Rollenmustern. Und auch die Studierenden in meinem aktuell laufenden Seminar zum Thema „Familie“ greifen das Thema Zeit auf. Gerade haben sie Thesen zur Situation von Familien aufgestellt: Eine Gruppe macht auf den Widerspruch aufmerksam, dass Eltern heute statistisch viel mehr Zeit für die Familie haben als früher, dies aber subjektiv überhaupt nicht spüren, weil eben die Anforderungen so gestiegen sind. Zwei Gruppen heben die Bedeutung von gemeinsamer Familienzeit hervor, wie sie etwa bei einer gemeinsamen Mahlzeit stattfindet. Vielleicht ein Hot Spot der Verlangsamung?

Was aber unabweislich ist, ist das Paradoxon zwischen erhöhten Ansprüchen an eine gelingende Kindheit einerseits und weniger Ressourcen für eine „verlässliche Fürsorge“ andererseits (King 2013, 49). Denn eingespart werden kann „unter Bedingungen von Dringlichkeit und Zeitnöten vor allem die Zeit für zielloses familiales Beisammensein, für ungerichtetes Beisammensein und Muße im weitesten Sinne“ (a.a.O., 48).

Beschleunigung von Kindheit

Der Gedanke der Beschleunigung und Verdichtung wirkt sich auch auf das Leben von Kindern unmittelbar aus. Es ist wohl eine Kehrseite der „Entdeckung der frühen Jahre“, dass viele Menschen die Idee verfolgen, die Lernfähigkeit kleiner Kinder „optimal“ ausnutzen zu wollen und dem Kind in jungen Jahren möglichst viel Wissen in den Rucksack zu packen. Es wird viel gespottet über ehrgeizige Eltern und Tiger Moms. Und natürlich gibt es die Kinder, die schon mit 4 Jahren Instrument, Sport und Fremdsprache lernen sollen. Eigentlich fängt der Wunsch, etwas mehr zu machen doch schon dabei an, dass der ordinäre Marmorkuchen am Geburtstag durch aufwändig verzierte Cake-Pops ersetzt wird, dass im Kinderzimmer Bettwäsche und Tapete farblich abgestimmt sind und dass an Karneval natürlich ein selbstgemachtes Kostüm fabriziert wird. Und wenn ich mir vorstelle, dass eben nur ein Teil der Kinder in den fragwürdigen Genuss dieser Vorzüge kommt, dann sind wir ganz schnell bei Distinktion und soziale Ungleichheit – doch das ist ein anderes Thema…

Und jetzt?

In seinem Film spielt Florian Opitz verschiedene radikale Varianten durch, um zu mehr Zeitwohlstand (Rosa) zu gelangen. Er besucht Menschen, die eine Zeitlang auf Handy und Internet verzichtet haben, die ganz ausgestiegen sind und nun in der Natur leben und solche, die immer schon in einer bäuerlichen, tatsächlich viel langsameren Welt leben. Aber das sind wohl keine Lösungen für Jedermann und Jederfrau.

Ein Anfang wäre doch schon mal gemacht mit einem vertieften Nachdenken über Zeit, vielleicht sogar einem Innehalten. Die Kinderbuchautorin Antje Damm hat mit „Alle Zeit der Welt“ (wieder einmal) mit Gedanken, Fotos und Illustrationen „Anlässe, um miteinander über Zeit zu sprechen“ gegeben – ein inspirierender Einstieg ins Thema, nicht nur für Kinder.

Drei Analysen, drei Antworten

In meiner – nicht vollständigen – „Reise durch die Zeit“ bin ich letztlich auf drei Analysen des grassierenden Zeitmangels gestoßen. Menschen, die sich mit der Zeitproblematik befassen, führen diese auf unterschiedliche Ursachen zurück:

  1. Zu viel Arbeit: Wir haben uns zu viel aufgehalst, haben zu viele Bereiche, in denen wir etwas machen und erreichen (wollen).
  2. Zu hohes Tempo: Wir sind zu ungeduldig und gehen die Dinge viel zu hektisch und mit zu wenig Ruhe an.
  3. Zu wenig Resonanz: Wir tun die falschen Dinge oder die richtigen Dinge auf falsche Weise, so dass wir nicht in Einklang mit unserer Umwelt sind und nicht genügend positives Feedback erfahren

Auf diesen drei Analyseansätzen bauen drei Strategien auf, die ich hier nun kurz schildern möchte:

  1. Zeitmanagement: Mit seinen Büchern „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“ und „Simplify your life“ konnte Lothar Seiwert eine große Auflage erzielen. Die Kernidee lautet: Man muss Prioritäten setzen! Dies tut man, indem man Aufgaben und Verantwortung abgibt, sich auf die wichtigen Dinge konzentriert („First things first!“), öfter „Nein!“ sagt und seine Aufgaben gut plant. „Nur die konsequente Konzentration auf das Wesentliche bei den beruflichen wie privaten Lebenshüten garantiert Erfüllung, Ausgeglichenheit und Lebenserfolg.“ Die Unterscheidung in „Dringendes“ und „Wichtiges“ geht genau auf den Kontext des Zeitmanagements zurück – gerade die Tatsache, dass sich das eigentlich Wichtige so leicht „wegrationalisieren“ lässt führt zu einer Abwertung der sozialen Beziehungen und damit zu einem „unmerklichen Sich-Entfernens von dem, was dem eigenen Leben potenziell Sinnhaftigkeit, Ressourcen und Substanz verleiht.“ (King 2013, 41).
  2. Entschleunigung: Hier kommt die „Slow“-Bewegung ins Spiel, die es inzwischen seit 30 Jahren gibt (Dazu hier ein Huffington-Post-Artikel) Ziel ist es, Langsamkeit und Muße stärker als Werte zu manifestieren und durch mehr Bedächtigkeit auch die eigene Genussfähigkeit zu erhöhen. Deswegen auch die Idee des Slow Food (im Gegensatz zu Fast Food), wohl der bekannteste Teil der Slow Bewegung. Durch Ursprünglichkeit und Authentizität soll ein von Sorgfalt und Gründlichkeit geprägtes Leben ermöglicht werden. Bei meiner Suche bin ich übrigens auch auf den Ansatz der Slow Education gestoßen und auf Slow Schools. Hier wird die Verbindung von Slow zu einem ökologisch korrekten, nachhaltigen Leben besonders deutlich. Slow bedeutet in diesem Verständnis vor allem auch auf Natürlichkeit und Respekt vor den natürlichen Ressourcen unserer Umwelt Bezogensein. Nachdem es inzwischen auch langsame Städte gibt (Città Slow) könnte es vielleicht auch eine SlowKita geben? Oder ich werde zur SlowMom…?!
  3. Resonanz: In seinen „10 Thesen wider die Beschleunigungslogik der Moderne“ beschreibt Hartmut Rosa das Prinzip der Resonanz (2014). Damit verfolgt er im Gegensatz zu Zeitmanagement und Slow Bewegung eher einen qualitativen Ansatz, bei dem der Inhalt dessen, was wir tun, im Mittelpunkt steht: Resonanz bedeutet, dass es wichtig ist, Kontexte zu finden, in denen wir Anerkennung finden und nicht Missachtung. Solche Resonanzkontexte finden sich in guten Arbeitsbeziehungen, in der Familie und mit Freunden, in Freizeitaktivitäten, vor allem aber auch in der Natur. Etwas zu tun, dass einen weiterbringt, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen, ist zentral für diese Resonanz. Dazu gehört für Rosa unbedingt auch Emotionalität. Gefühle, die die Identität berühren, das Berührt- und Ergriffensein werden insbesondere durch Kunst (ein Musikstück, ein Film, ein Bild…) und Natur (das Meer, eine Waldlichtung…) hervorgerufen.

Vielleicht schließen sich diese drei Strategien auch nicht aus – doch Achtung! Alles auf einmal geht eben nicht ;)

 

Literatur

Antje. Damm. 2010. Alle Zeit der Welt. Anlässe, um miteinander über Zeit zu sprechen. Frankfurt: Moritz.

Vera King. 2013. Optimierte Kindheiten. Familiale Fürsorge im Kontext von Beschleunigung und Flexibilisierung. In Das modernisierte Kind. Hrsg. von Frank Dammasch und Martin Teising, 31-51. Frankfurt: Brandes und Apsel.

Hartmut Rosa. 2014. Resonanz statt Entfremdung. Zehn Thesen wider die Steigerungslogik der Modernde. In Zeitwohlstand. Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben. Hrsg. von Konzeptwerk neue Ökonomie, 62-73. Leipzig: Oekom.

Hartmut Rosa. 2013. Beschleunigung und Entfremdung. Berlin: Suhrkamp – jetzt auch kostenfrei bei der Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de )zu haben

Lothar Seiwert. 2005. Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Frankfurt: Campus.

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