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Natur als Ort informeller Bildung

Bildungsorte stehen in diesem Semester im Mittelpunkt einer meiner Lehrveranstaltungen. Dies sind meist abstrakte „Orte“, wie Familie oder Medien. Nun jedoch hatten wir Gelegenheit, den „Bildungsort Natur“ als einen ganz konkreten Ort aufzusuchen. Unterstützt und begleitet hat uns dabei Mirella Herrmann. Sie ist Ingenieurin für Landschaftsplanung, staatlich anerkannte Erzieherin und Absolventin unseres Fachbereichs (Soziale Arbeit Online). Ihr besonderes Interessen- und Arbeitsgebiet ist die Schnittstelle zwischen Natur und Sozialer Arbeit.

Naturerkundungen mit Studierenden

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Die Hochschule Fulda liegt zwar nicht direkt in der City und Fulda ist auch nicht gerade eine Großstadt, dennoch gibt es auf dem Campus selbst mehr Steine als Halme. Doch siehe da, ist die vierspurige Leipziger Straße einmal überquert, ist man mit wenigen Schritten in einem Grünzug mit Bäumen, Wiesen und Kleingärten. Zunächst bat uns Mirella Herrmann, „Naturschätze“ zu suchen – Blätter, Stöcke, Blüten, Steine, auch Müll. So kam schon einmal eine beträchtliche Vielfalt zustande. Versehen mit verschiedenen Aufgaben wurde nun mit den Naturschätzen gearbeitet. Weitere Aufgaben dienten dazu, die Wahrnehmung zu schärfen: Genau hinzusehen und hinzuhören. Zum Abschluss entstanden in Gruppen erstellte Texte zum Thema Natur und Naturerleben.

Die anschließende Reflexion verlief mit dem Tenor„Kinder sind heute gar nicht mehr in der Natur“ und „Kinder dürfen sich gar nicht mehr schmutzig machen“. Wie steht es also um den Bildungsort Natur?

Verhäuslichte und verinselte Kindheit

Studien zeigen tatsächlich, dass Kindheit zunehmend in geschlossenen Räumen stattfindet. So verdeutlicht die World-Vision-Kinderstudie von 2013, dass „Beschäftigung mit Tieren oder Natur“ nur von 32% der Kinder zwischen 8 und 11 Jahren sehr oft betrieben werden; „Draußen auf der Straße spielen“ nur von 30% – wobei die „Straße“ ja eher nicht als Natur gewertet werden kann. Im Gegensatz dazu sind es 54%, die sehr oft „Zu Hause mit ihrem Spielzeug spielen“ (das ist die häufigste Freizeitbeschäftigung) und 53%, die sehr oft „Sport treiben“ (Jänisch/Schneekloth 2013: 138). Die folgende Grafik zeigt die wichtigsten Beschäftigungen im Überblick, wobei die Aktivitäten draußen rot markiert sind.

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Das Bild von einer dramatisch schrumpfenden Zeit von Kindern in der Natur steht auch im Mittelpunkt des (Kult-) Buches „Last child in the woods.“ Darin beschreibt Richard Louv, dass die Zeit, die Kinder in der Natur verbringen einen ganz besonderen Wert habe: Sie sei nicht „Freizeit“, sondern „freie Zeit“ ist (Louv 2011: 154). Er plädiert dafür, Kindern die Möglichkeit zu geben, unverplante Zeit in der Natur zu verbringen: „frei verfügbare, unstrukturierte Traumzeit.“ (a.a.O.: 151).

Mit Blick auf die Zunft der Pädagogik befinden sich meine Studierenden mit ihrer kritischen Einschätzung von Naturbegegnungen der Kinder in guter Gesellschaft: Bereits 1975 beschrieb Hartmut von Hentig in seinem Vorwort zu Philippe Ariès „Geschichte der Kindheit“ die heutige (damalige) Kindheit nicht nur als „Fernsehkindheit“, „pädagogische Kindheit“, „Zukunftskindheit“, „Kinder-Kindheit“ und „Kleinfamilienkindheit“, sondern auch als „Stadtkindheit“: „Ihr fehlen elementare Erfahrungen: ein offenes Feuer machen, ein Loch in die Erde graben, auf einem Ast schaukeln, Wasser stauen, ein großes Tier beobachten, hüten, beherrschen… Das Entstehen und Vergehen der Natur, die Gewinnung und Verarbeitung von Material zu brauchbaren, notwendigen Dingen“ (Hentig 1975: 34/35).

Was dieses fast 40 Jahre alte Zitat ausdrückt, wird heute weithin noch immer bzw. erst recht als gültig erachtet. Donata Elschenbroich beschreibt in ihrem Buch über „Das Weltwissen der 7-Jährigen“ jene Erfahrungen, die Erwachsenen Kindern bis ihrem siebten Lebensjahr ermöglicht haben sollten. Begegnungen mit der Natur spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie listet etwa auf (S. 30-35):

  • „einen Schneemann gebaut haben. Eine Sandburg. Einen Damm im Bach. Ein Feuer im Freien anzünden und löschen können. Windlicht, Windrad erproben…
  • auf einen Baum geklettert sein
  • in einen Bach gefallen sein…
  • die Adern des Blattes und die Adern der eigenen Hand studieren…
  • einige Blattformen kennen , wissen, was man in der Natur essen kann und was nicht
  • die Natur als Freund und als Feind erlebt haben. Als empfindlich, beschützenswürdig. Und als stärker, gefährlich.

Der Hamburger Naturwissenschafts-Didaktiker Ulrich Gebhard resümiert: „Insgesamt lässt sich sagen, dass der Wert von Natur wesentlich darin liegt, dass Kinder hier ein relativ hohes Maß an Freizügigkeit haben, zugleich relativ aufgehoben sind und zudem Bedürfnissen nach ‚Wildnis’ und Abenteuer nachgehen können“ (Gebhard 2013: 86).

Bildungstheoretisch gesprochen kann die Zeit in der Natur als Raum für informelle Bildungsprozesse gedeutet werden. Die informelle Bildung beschreibt Bildungserfahrungen außerhalb organisierter und geplanter Kontexte und grenzt diese von formaler Bildung (etwa in der Schule) und non-formaler Bildung (etwa in der Kinder- und Jugendhilfe) ab (Rauschenbach et al. 2004: 23). Üblicherweise werden insbesondere Familie, Gleichaltrige und Medien als informelle Bildungskontexte gesehen (a.a.O: 307) – die Natur jedoch kann ebenfalls als ein solcher verstanden werden. So benennen Rauschenbach et al. insbesondere vier Charakteristika informeller und non-formaler Bildungsprozesse (a.a.O.: 24/25):

  • Teilhabe und Verantwortung,
  • Wirksamkeit des eigenen Handelns und Veränderbarkeit der Verhältnisse,
  • Aneignung und Gestaltung von Räumen,
  • Kulturelle Praxis sowie
  • Lebensbewältigung.

In diesen Dimensionen kann Natur als Bildungsort sicher Vieles leisten: Fähigkeiten und Talente, die im Innenraum nicht zur Geltung kommen, Charaktereigenschaft, die drinnen eher stören, können in der Natur zum Glänzen kommen (Teilhabe); Aufeinander und auf die natürliche Umwelt zu achten, ist in der Natur unerlässlich (Verantwortung); Bauen und Gestalten sind etwa in Wald und Brache Kern der Beschäftigung (Selbstwirksamkeit, Aneignung von Räumen).

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Kindern Gelegenheit zu geben, mit der Natur in Berührung zu kommen ist ein wichtiges Anliegen der frühkindlichen Bildung – nicht nur in der hier nur skizzierten theoretischen Diskussion, sondern auch mit Blick auf die Praxis: Waldkindergärten erfreuen sich wachsender Beliebtheit, Bildungspläne nennen Natur als wichtigen Bildungsbereich und auch das aktuelle Heft der TPS (Theorie und Praxis der Sozialpädagogik) befasst sich mit dem „Draußen sein“.

Barrieren für mehr Natur im Leben von Kindern

Warum spielt Natur im Alltag von Kindern dennoch eine so geringe Rolle? Wesentliche Hindernisse sind allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, wie vor allem die zunehmende Verstädterung und die wachsende Bedeutung und Attraktivität anderer Freizeitangebote – allen voran digitale Spielmöglichkeiten an Computer, Smartphone und Konsole. Nicht zu unterschätzen als Barriere ist außerdem die Dominanz kognitiver Bildungsziele: Die verbreiteten Vorstellungen von einer optimalen Förderung von Kindern führen – gerade in Mittelschichtsfamilien – zu einer größtenteils organisierten Freizeit, in der die kognitiven, sportlichen und musischen Fähigkeiten von Kindern gezielt gefördert werden sollen. Ein Blick in den Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan zeigt, dass das Thema Natur auf zwei Ebenen als relevant angesehen wird: Zum einen geht es um die naturwissenschaftliche Erkenntnis, zum anderen um den verantwortungsvollen Umgang mit der natürlichen Umwelt. Es handelt sich also eher um Bildungs- oder Kompetenzziele und weniger um einen konkreten pädagogischen Lernbereich. Unmittelbare Erfahrungen in und mit der Natur haben auch hier eine nachrangige Bedeutung. Entsprechend fasst auch der „Jugendbericht Natur 2010“ seine wichtigsten Ergebnisse zusammen: „In der Folge wird die Beziehung der jungen Generation zur Natur immer abstrakter, formeller. Das kommt den Denkstrukturen und Normvorgaben der Naturwissenschaft und des Naturschutzes entgegen, denen jedoch zugleich das subjektiv-konkrete Erfahrungsfundament verloren geht“ (DJV 2010: 16/17).

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Ein weiteres Hindernis sind außerdem Ängste – weniger die der Kinder, sondern die der Erwachsenen (Eltern und Pädagog*innen). Zwar finden Kinder auch drinnen Wege, sich schmutzig zu machen oder waghalsige Klettermanöver auszuführen. Und dass man sich auch im Haus wunderbar erkälten kann, erfahren wir jeden Winter aufs neue. Dennoch fürchten viele Erwachsene Erkrankungen, Verletzungen und nicht zuletzt dreckige oder zerrissene Kleidung. Elschenbroich beschreibt die Unsicherheit der Stadt-Kinder bei einem Ausflug in den Wald: „Anfangs stehen manche der verhäuslichten Kinder etwas ratlos herum (…) Die begleitenden Eltern stehen manchmal noch verlegener und linkischer herum als ihre Kinder“ (Elschenbroich 2001: 216). Auch bei unserem kleinen Ausflug in den Grünstreifen neben der Hochschule wurden diese typischen Hürden deutlich: Einige hatten nur ein dünnes T-Shirt an, was an diesem Junimorgen in Deutschland etwas zu frisch war. Andere trugen nur sehr leichte Schuhe; gut, dass wir nicht in den tiefen Wald gegangen sind. Und schließlich wurde auch bei unserem Kleinst-Vorhaben ein ganz schlichter aber eben auch grundlegender Hinderungsgrund sichtbar: Es ist einfach viel gemütlicher, im wohltemperierten Seminarraum bei einem Thermobecher mit Kaffee zu sitzen und der Dozentin zu lauschen oder einen Text zu diskutieren, als sich in Bewegung zu setzen und dabei Wetter, Staub und merkwürdigen Gerüchen auszusetzen – da möchte ich mich selbst gar nicht ausnehmen.

Unser kleiner, völlig unaufwändiger Ausflug hat vieles deutlich gemacht: Zunächst einmal muss man die Komfortzone verlassen, wenn man etwas erfahren, etwas entdecken möchte. Zugleich muss es nicht immer das große Umweltprojekt sein, die umfangreiche naturwissenschaftliche Erkenntnis. Solche ambitionierten Vorhaben sind natürlich gut und wichtig. Aber im ersten Schritt geht es einfach darum, die natürliche Umwelt wahrzunehmen – und das geht tatsächlich ganz einfach.

Literatur

Deutscher Jagdschutzverband (DJV), informationen.medien.agrar.e.V. und Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (2010): Natur: vergessen? Erste Befunde des Jugendreports Natur 2010, Bonn. http://www.natursoziologie.de/NS/alltagsreport-natur/jugendreport-natur.html

Donata Elschenbroich (2001): Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken können. München.

Ulrich Gebhard (2013): Kind und Natur. Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung. Erste Auflage: 1994. Wiesbaden.

Hartmut von Hentig (2007): Vorwort. In: Phllippe Ariès: Geschichte der Kindheit. Erste Auflage: 1975. München.

Hessisches Sozialministerium und Hessisches Bildungsministerium: Bildung von Anfang an. Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 in Hessen. Wiesbaden 2014.

Agnes Jänisch und Ulrich Schneekloth (2013): Die Freizeit: vielfältig und bunt, aber nicht für alle Kinder. In: Sabine Andresen und Klaus Hurrelmann: Kinder in Deutschland 2013. 3. World Vision Kinderstudie. Wie gerecht ist unsere Welt. Weinheim und Basel.

Richard Louv (2011): Das letzte Kind im Wald? Geben wir unseren Kindern die Natur zurück! Erste Auflage: 2005. Weinheim und Basel.

Thomas Rauschenbach et al. (2004): Konzeptionelle Grundlagen für einen Nationalen Bildungsbericht – Non-formale und informelle Bildung im Kindes- und Jugendalter. Hrsg. vom BMBF, Berlin. http://www.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Weiterfuehrende_Links/nonformale_und_informelle_bildung_kindes_u_jugendalter.pdf

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