Unglückliche Kinder? Die neue UNICEF Kinderstudie

Die Situation von Kindern und Jugendlichen war in der vergangenen Woche ein wichtiges Thema in den Medien. Dank der neuen UNICEF-Studie zur Lage der Kinder, befassten sich zahlreiche Beiträge mit der Perspektive von Kindern und der Frage, wie man diese verbessern könne. Für alle, die sich tagtäglich mit den Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern befassen eine positive Entwicklung. Eigentlich. Denn die Argumentation, die die Berichterstattung nahm, gibt zu denken.So titelte die BILD Zeitung: „Unsere Kinder werden immer unglücklicher“. Und auch die ZEIT schreibt: „Unglücklich trotz besserem Leben.” Der Grund für diese Schlagzeilen: Die UNICEF Studie umfasst zwei Ranglisten. Eine, in der das Die Situation von Kindern anhand äußerer Kriterien (Materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung, Verhalten und Risiken, Wohnen und Umwelt) im internationalen Vergleich bewertet wird. Hier liegt Deutschland auf dem 6. Platz. In einer zweiten Rangliste wurden die Kinder selbst gebeten, ihre Lebenssituation zu bewerten. Dabei liegt Deutschland lediglich auf dem 22. Platz (von insgesamt 29). Aus diesem Ergebnis zieht der Familienforscher Hans Bertram folgenden Schluss: „Die deutschen Mädchen und Jungen stellen damit sich und ihrer Umgebung ein erschreckendes Zeugnis aus, das uns nachdenklich machen muss.“

Nun kann man durchaus irritiert darüber sein, dass Kinder und Jugendliche in so krisengebeutelten Ländern wie Island (Platz 2) Spanien (Platz 3) und Griechenland (Platz 5) offenbar zufriedener sind (wenngleich die Unterschiede im Übrigen eher marginal sind) als die Heranwachsenden im wohlhabenden Deutschland. Ich habe mich gefragt, ob dieses Phänomen auf Kinder beschränkt ist. Ein Blick in den OECD- Zufriedenheitsindex „How’s Life? Measuring Well-Being“ aus dem Jahr 2011 kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen: Bei der subjektiven Zufriedenheit liegt Deutschland knapp unter dem OECD-Durchschnitt (S. 270).

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Dieses Ergebnis macht deutlich: Der Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und subjektiver Zufriedenheit ist nur bedingt. Dieses Phänomen drückt sich im so genannten Easterlin-Paradox aus: In den Industrienationen korrelieren Wohlstand und Zufriedenheit nur bedingt. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungen: Eine könnte die Bedeutung des relativen Wohlstands sein, also die Abhängigkeit der subjektiven Zufriedenheit vom Vergleich mit dem direkten Umfeld (OECD 2011: 270). Eine andere Erklärung bezieht sich darauf, dass bei einem relativ hohen Wohlstands-Niveau Unterschiede nicht mehr so stark ins Gewicht fallen (a.a.O: 271).
Wenn es das Ziel von UNICEF ist, Aufmerksamkeit für Kinder und Jugendliche zu schaffen, ist dies gelungen. Die Interpretationen der UNICEF-Studie sollten jedoch um der Redlichkeit willen etwas moderater ausfallen. Was bleibt, ist, dass immerhin 85 % der Kinder in Deutschland mit ihrem Leben zufrieden sind. Ein „Oh je, unsere armen Kinder!“ lässt sich daraus nicht ableiten. Die Forderungen der UNICEF („Kampf gegen Kinderarmut gezielt verstärken“, „Kindergesundheit fördern“, „Kinder du ihre Rechte stärken“) werden dadurch jedoch nicht weniger wichtig.

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